Das Projekt

Das Pilotprojekt des Minsteriums für Kunst und Wissenschaft NRW und der DTHG

In welchem Zustand befinden sich Raumlufttechnische Anlagen (RLT-Anlagen) von Theatern und Konzerthäusern?
Wie können sie zeitnah und raumweise auf eine pandemiegerechte Lüftung eingestellt und überprüft werden?

Zu diesen dringenden Fragen wurde in den letzten drei Monaten ein Projekt durchgeführt, bei dem die Entwicklung und Erprobung eines Erhebungs- und Beurteilungskonzeptes im Vordergrund stand.

Betrachtet man das Infektionsrisiko über den Luftweg für Menschen in geschlossenen Räumen, unterscheiden sich Spielstätten erheblich von z.B. Wohnräumen, Schul- und Besprechungszimmern, Grossraumbüros, Supermärkten und Fahrgasträumen. Zum einen verfügen sie praktisch zu 100% über Lüftungsanlagen und zum anderen häufig über erhebliche Raumvolumen.

Zur genaueren Überprüfung setzte sich das Projekt aus folgenden Bestandteilen zusammen:

  • Erstellung eines umfassenden Fragebogens zur Erhebung aller lüftungstechnischen und nutzungsrelevanten Daten in öffentlichen Räumen von Spielstätten.
  • Definition und Ermittlung eines sogenannten «wirksamen Luftstromes» für jeden Besucher. Er ergibt sich aus der Lufterneuerung durch den RLT-Anlagenbetrieb, die Lüftungseffizienz im Raum, der zeitlich abnehmenden Verdünnungskapazität des Raumluftvolumens und der Wirkung von ggf. aufgestellten Sekundärluftgeräten.
  • Vergleich des wirksamen Luftstromes mit erforderlichen Werten aus den neuesten Publikationen zur Raumlüftung, bei denen das Infektionsrisiko über den Luftweg minimiert wird. Sie berücksichtigen meistens die Wirkungen von Abstandsregeln, das Tragen oder Nichttragen von Masken, Aufenthaltszeiten, Aktivitätsgrade und Raumlüftungsformen. Sie basieren auf der bisher bekannten Freisetzungsmenge von Viren einer Person und berücksichtigen ihr Ausbreitungsverhalten in der Raumluft. Die daraus gefundenen Werte wurden als «Mindestwert» bezeichnet.
  • Dem Mindestwert liegt das Ansteckungsrisiko von einer Person zugrunde, das sich beim Besuch eines Supermarktes mit Maske oder eines zu 30% belegten Kinos ohne Maske ergibt, wenn eine weitere Person im Raum infiziert ist.
  • Für den wirksamen Luftstrom in Zuschauerräumen, Foyers und Studiobühnen wurden Mindestwerte verlangt, die noch über diesen üblichen Mindestwert hinaus gehen. Für Theaterspielstätten ist dann das theoretische Infektionsrisiko geringer.
  • Für die Theaterlüftungen wurden weitere betriebliche und anlagentechnische Kriterien definiert, um eine pandemiegerechte Lüftung nach dem aktuellen Kenntnisstand zu ermöglichen.

Der Beurteilungsprozess ist nachvollziehbar in einem Prüfreglement und Prüfberichten dokumentiert. Die Eingabe- und Ergebniswerte sind von lüftungs- und theatertechnischen Experten überprüft.

Im Ergebnis zeigte sich, dass von den bisher untersuchten 115 Räumen in 26 von 27 Landesspielstätten NRWs ca. 80% der öffentlichen Räume die Bedingungen an eine pandemiegerechte Lüftung erfüllen.

Diese Zahl wird allerdings nur erreicht, weil die Häuser die Besucherzahlen momentan drastisch aufgrund der AHA+L Regeln beschränken müssen. Anders können die strengen Abstandsregeln nicht eingehalten werden. Im Schnitt dürfen aktuell nur circa 30% der vorhanden Zuschauerplätze verkauft werden.

Zur öffentlichen Dokumentation dieser raumweisen Prüfungen wurden Zertifikate entworfen, die an publikumsrelevanten Orten in Theatern aufgehängt werden können.

Die systematische Datenerhebung ermöglichte auch eine erste statistische Auswertung zum Zustand der Raumlufttechnischen Anlagen von Spielstätten.
Beispielsweise kann eine Analyse vorgenommen werden zum Zustand der Anlagen im Allgemeinen, zum anstehenden Erneuerungs- und Sanierungsbedarf im Speziellen sowie eine Abschätzung der Funktionsfähigkeit der Anlagen auch außerhalb der Pandemiebedingungen.

Insgesamt ist im Rahmen dieses Projektes ein Erhebungs-, Überprüfungs- und Dokumentationskonzept zum Nachweis einer pandemiegerechten Lüftung von Räumen entstanden. Es ermöglicht eine praxisnahe und zeitlich schnell durchführbare Form der Ist-Zustand-Feststellungen, die es nach Kenntnis der Autoren bisher nicht gab.

Dieses Konzept ist prinzipiell auch anwendbar, wenn sich in Zukunft die Anzahl der zugelassenen Personen erhöht. Es werden Nachbesserungen und Ergänzungen ermöglicht, die oft unaufwendig und zeitnah durchgeführt werden können.